BOOK LOVERS NEVER GO TO BED ALONE

Samstag, 3. September 2011

Rezension: Das Mädchen mit dem Stahlkorsett von Kady Cross

Auf wackligen Beinen ging Finley zu ihr und nahm die kleinere Frau in die Arme. Es war ihr egal, ob Griffin oder seine gemeine Tante ihre Tränen sahen. Wenn es überhaupt etwas gab, über das man weinen durfte, dann war es die Erkenntnis, dass der eigene Vater einen in ein Ungeheuer verwandelt hatte.

Finley Jayne ist kein normales Mädchen. Ganz im Gegenteil: In ihr ist etwas Dunkles, das immer zum Tageslicht kommt, wenn Finley Hilfe braucht. Dann ist Finley wie verändert, sie ist stark wie sonst niemand, und wendet ohne zu zögern Gewalt an, obwohl das ihr anderes Ich nie tun würde. Natürlich hat sie es daher schwer, eine Anstellung zu finden, und sie auch auf Dauer zu behalten. Und tatsächlich, als der Sohn der reichen Familie, in der sie arbeitet, ihr unangemessene Avancen macht, schlägt sie ihn nieder und flieht, ohne zu wissen, wie ihre Zukunft aussieht. Doch wie es der Zufall will, stößt sie mit Griffin King zusammen, einem der reichsten jungen Männer Englands, der aber genau wie Finley einige Geheimnisse hat. Er nimmt sie mit zu sich, und durch ihn lernt Finley Menschen kennen, die ebenfalls anders und nicht ganz normal sind. Und bald wird sie hineingezogen in ein Abenteuer, gefährlich und doch aufregend, sie und Griffin kommen sich langsam näher – und was vielleicht am wichtigsten ist: Sie lernt endlich etwas über sich selbst und ihre Gabe/ihren Fluch.

Finley lebt im London des Jahrs 1897 – doch es ist nicht das 1897, wie wir es erwarten würden. Es ist eine alternative Welt, in der die Technik weit vorangeschritten ist, es unglaubliche Erfindungen und erstaunliche Entdeckungen gibt und die Leute dennoch so leben und sich kleiden, wie man es vom 19. Jahrhundert gewöhnt ist. Es handelt sich um einen Steampunkroman, meinen ersten, um genau zu sein. Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich nicht so in die Geschichte hineinfinden konnte, obwohl ich neuen Welten eigentlich immer sehr aufgeschlossen bin. Denn ich muss leider sagen, dass ich etwas enttäuscht bin. Ich hatte einen spannenden Roman erwartet, wo Finley von einem Abenteuer ins nächste stürzt und sich auf dem Weg dahin noch verliebt. Die Cover – sowohl das original englische als auch das deutsche – haben mich neugierig gemacht und ich habe mich sehr auf das Buch gefreut.
Im Endeffekt konnte ich mich einfach nicht in die Geschichte hineinversetzen, und habe mich oft eher über den Stil geärgert als die Geschichte gefesselt zu verfolgen. Ein Beispiel: In einem Kapitel beschreibt die Autorin einen Freund von Griffin gleich dreimal als „großen Kerl“:

Mit seinem breiten Schultern füllte der große Kerl den Türrahmen fast aus (S.24), „..“, murmelte der große Kerl. (S.27).

Ich wusste schon beim ersten Mal, dass er groß ist, und mir hätte es besser gefallen, wenn man einfach „Sam sagte..“ geschrieben hätte. So was ist mir oft aufgefallen, und normalerweise stört es mich nicht allzu sehr, doch hier trug  es einen sehr negativen Beigeschmack mit sich. Wie oben gesagt, habe ich eine spannende Story erwartet, doch ich fand es oft einfach nur langweilig. Erst zum Ende hin bekommt der Leser dann das, was ihm versprochen wurde: Sie entdecken eine Verschwörung, die grausame Folgen für die Welt haben könnte. Die Geschichte nimmt Fahrt auf und es wird plötzlich doch noch interessant.
Natürlich gab es auch positive Aspekte bei diesem Roman. Er hat durchaus seine lustigen Stellen, zum Beispiel wenn die Hauptpersonen plötzlich im Wohnzimmer der Queen stehen, da konnte ich nicht anders als schmunzeln. Und es war auch interessant, wie einem in einer Zeit, die man glaubt zu kennen, plötzlich einige aberwitzige Erfindungen begegnen, von denen man selbst heute nur träumen kann. Andere Gegenstände dagegen kamen einem verdächtig bekannt vor, obwohl ich mir sicher bin, dass sie erst im 20. Jahrhundert erfunden worden sind. Ich hätte mich jedoch gefreut, ein wenig mehr über die Entstehung dieser Dinge zu erfahren, stattdessen wurden sie einfach wie selbstverständlich erwähnt, was ich etwas schade fand. Ein erfahrener Steampunk-Leser stört sich vielleicht nicht daran, aber Anfänger wie ich fühlen sich doch etwas ins kalte Wasser geworfen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe nicht die Story bekommen, die ich erwartet habe, und gebe diesem Buch daher 3 Sterne, da es sicherlich nicht das schlechteste Buch ist, das ich bisher gelesen habe, und die Idee an sich mal etwas Neues ist. Leider hat die Autorin es für mich nicht geschafft, dieses Potenzial zu verwerten.